Über Demenz

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Die Deutungshoheit darüber, was Demenz ist bzw. wie diese einzuordnen ist, ging im vergangenen Jahrhundert an die Biomedizin über. Der entsprechende Wissensstand ist für Deutschland in der evidenzbasierten Leitlinie Demenz dokumentiert, in deren Rahmen auch eine Patienten-/Angehörigen-Leitlinie angeboten wird.

Zahlreiche Gruppen und Akteure im Bereich der Unterstützung und Begleitung von Menschen mit Demenz berufen sich auf dieses Wissen über Demenz und demenzielle Veränderungen (vgl. etwa Deutsche Alzheimergesellschaft oder Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend).

Das biomedizinische Verständnis von Krankheit ist jedoch in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend in die Kritik geraten, weil es die komplexen Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist wie auch von Biologie und Sozialem in unzulässiger Weise verkürzt. Aus dem medizinischen Kontext heraus wurde der biomedizinischen Sichtweise in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein erweitertes Verständnis von Gesunderhaltung und Krankheitsentstehung entgegengesetzt, das neben biologischen auch psychologische und soziale Faktoren als wesentlich berücksichtigt. Dieses Modell ermöglicht es, Fragen nach anderen als rein physischen, zellorganischen Erklärungsmechanismen zu stellen und ihnen nachzugehen.

Konzept und Anspruch des biomedizinischen Modells fügen sich passgenau in die herrschende kulturelle Logik ein: Demenz als ein „Problem“, an dessen Lösung die (Bio-)Medizin in Form einer medikamentösen „Heilung“ oder zumindest einer wirksamen pharmakologischen Prävention arbeitet. Ein solches Denken der Zuständigkeitsanspruch und das hieran geknüpfte Heilungsversprechen entlassen andere Kräfte und Gruppen als jene, die im medizinischen Bereich tätig sind, aus der Verantwortung. Das Heilungsversprechen ermöglicht es dem oder der Einzelnen auch, die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und der schmerzhaften Einsicht zu umgehen, dass Leben auch mit Leiden und Beeinträchtigungen verbunden und endlich ist. Wir können die Augen weiterhin vor dem Umstand verschlossen halten, dass die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen, die mit demenziellen Veränderungen leben, unendlich viel Leid über die Betroffenen und diejenigen bringt, die ihnen nahestehen und sich um sie kümmern. Wir können weiterhin ausblenden, dass wir alle unseren Anteil an diesem Leid haben, weil wir uns nicht darum bemühen, uns aus unseren Verstrickungen in die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit Demenz zu lösen.

Bekanntlich hat die biomedizinische Demenzforschung trotz beachtlicher Bemühungen und Investitionen bisher keine Durchbrüche erzielt. Auch für die nächsten zwanzig Jahre stehen keine Heilungsmöglichkeiten in Aussicht. Ob demenzielle Veränderungen überhaupt „heilbar“ sind, muss differenziert betrachtet werden und wird – etwa im Falle der Alzheimer-Demenz – auch von medizinischen Experten kritisch gesehen.

Unsere älter werdende Gesellschaft fordert uns dazu heraus, mit dem Phänomen Demenz zu leben. Wir sind gefordert, unsere Vorstellungen über Demenz und unsere Einstellungen gegenüber den Betroffenen zu überdenken. Und wir sind gefordert, unser soziales Miteinander und die Art und Weise, wie wir uns um Mitbürgerinnen und Mitbürger kümmern und sie einbeziehen, die aufgrund ihrer besonderen Bedürfnisse auf Unterstützung angewiesen sind, grundlegend zu verändern.