Petition gegen Armut durch Pflege gestartet

Druckversion

Mit einem Fußmarsch vom badischen Offenburg nach Berlin hat Stefan Krastel vor drei Jahren viel Aufmerksamkeit erlangt. Nachdem der ehemalig selbstständige Friseurmeister beschlossen hatte, seine Mutter zu hause zu pflegen, verlor er im Verlauf von elf Jahren seine Ersparnisse. Mittlerweile auf Sozialleistungen angewiesen und zum Fachmann in Sachen Pflegegesetze geworden, trat er in seiner Verzweiflung diesen Weg an.

Er hat damit auf eine eklatante Fehlentwicklung hingewiesen, derzufolge Angehörige, die daheim pflegen, schlechter gestellt sind als diejenigen, die sie in einem Heim unterbringen.

Bis heute ist dieser Missstand nicht behoben. Mit einer Petition startet Stefan Krastel eine neue Initiative, über die er im folgenden Interview Auskunft gibt.

Wer Stefan Krastel und die PflegeInitative Deutschland e.V. fördern oder ihr beitreten möchte, kann sich auf der Internetseite informieren und anmelden.

 

Herr Krastel, Sie engagieren sich seit Jahren für die bessere Unterstützung von Menschen, die zu hause pflegen. Jetzt gehen Sie mit einer Petition, die die Angleichung des Pflegegeldes an die Pflegesachleistungen fordert, an die Öffentlichkeit. Worum geht es dabei?
 
S. Krastel: Wir orientieren uns am Österreichischen Modell – dort gibt es keine Unterscheidung von Pflegesachleistungen und Pflegegeld und „Demenz“ ist schon lange in den Pflegebegriff mit eingeflossen. In der höchsten Pflegestufe erhält man 1680 Euro – der Staat geht davon aus, dass dieser Betrag mindestens erforderlich ist, um einen Menschen mit Schwerstpflegebedarf zu versorgen. 
Das Resultat ist, dass in Österreich 17% aller Pflegebedürftigen in Heimen untergebracht sind und bei uns sind es genau doppelt so viele. Wir sind überzeugt, dass es da Zusammenhänge gibt. 
 
Wer davon ausgehen muß, dass ihn seine Bereitschaft, einen Angehörigen zu hause zu pflegen über kurz oder lang zu einem Hartz-IV-Empfänger macht, ist natürlich wenig motiviert. Es ist eine einfache Überlegung: wenn Sie wissen, dass Sie mit den Pflegeleistungen so etwas wie ein Grundeinkommen erhalten, sehen Sie doch einen Anreiz. 
 
Sie haben dazu bereits im letzten Jahr eine Initiative gestartet.
 
S. Krastel: Wir hatten eine Petition eingereicht, dann erfahren, dass bereits eine Petition vorläge. Diese sei jedoch nicht öffentlich und deshalb habe man sie zusammengeführt als Sammelpetition. Mit ist es dann gelungen, in Erfahrung zu bringen, worum es in der andern Petition geht und musste zur Kenntnis nehmen, dass dort mehr Unterstützung „in begründeten Einzelfällen“ gefordert wurde – und das ist ja genau das Gegenteil von dem, was wir wollen. Dies liegt nun mittlerweile ein Jahr zurück und wir hätten eigentlich dazu schon längst was hören müssen. Dies ist jedoch nicht der Fall. 
 
Freilich ist der Petitionsausschuß nicht verpflichtet, zu jeder Petition, die das Quorum erreicht, eine Anhörung zuzulassen – es können also auch Petitionen mit zwei Millionen Unterschriften einfach nicht beachtet werden.
 
Im letzten Jahr hatten Sie einen 40tägiger Sternmarsch geplant, mit dem Sie und andere Angehörige auf dieses wichtige soziale Problem hinweisen wollten – im August wollten Sie die Unterschriften, die Sie während der 40 Tage sammeln wollten, der Bundeskanzlerin überreichen. Die Aktion mussten Sie dann kurzfristig absagen ...
 
S. Krastel: Ich mache nun schon recht lange den Spagat von pflegendem Angehörigem und – wenn Sie so wollen – „Pflege-Aktivist“. Das bringt mich allerdings hin und wieder an den Rand meiner Belastungsgrenzen. Als Beispiel: wenn ich auch nur in einer Sendung mitwirke, dann bekomme ich zwischen 30 und 70 E-mails von Leuten, die noch verzweifelter sind als ich. Ich habe ja das große Glück, dass meine Mutter verhältnismäßig stabil ist und mir die Pflege leicht macht, aber es gibt Leute, die wissen wirklich nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. 
Es ist uns einfach nicht gelungen, Ressourcen zu aktivieren, die wir dafür gebraucht hätten. So wie wir auch jetzt für die Aktionen zur Petition Mittel brauchen für die Pflege unserer Angehörigen von etwa sechs Wochen. Und dann hatte ich noch einen Leistenbruch, mit dem das Laufen nicht möglich war.
 
Sie lassen sich nicht entmutigen und haben eine weitere Aktion in Vorbereitung.
 
S. Krastel: Wir wollen jetzt loslegen. Es geht erstmal um die symbolische Aktion und zweitens darum, die verstreute Pflege-Szene zu vereinen und in einer breiteren Öffentlichkeit Aufklärungsarbeit zu leisten, denn: zum dritten bin ich davon überzeugt, dass die fehlgeleitete Pflegepolitik nur deshalb funktioniert, weil das System so kompliziert ist, dass keine/r richtig durchblickt. Die meisten kennen den Unterschied nicht zwischen Pflegegeld und Pflegesachleistungen.
 
Sie sprechen damit auch von der Pflegereform, die im März 2012 verabschiedet wurde?
 
S. Krastel: Ja, ich merke das immer wieder. Wenn ich all jenen, die jetzt meinen, es sei doch was für die pflegenden Angehörigen getan worden, vorrechne und erkläre, dass wir davon gar nichts haben, sind doch die meisten ziemlich empört. 
 
Die Gelder, die Herr Bahr jüngst als Erfolgsmeldung verlauten ließ sind im Verhältnis zu dem, was Sie damit bestreiten können, einfach lächerlich: bisher war es möglich, mit dem Geld, das zur Verfügung gestellt wurde, zehn Stunden Betreuung abzudecken, jetzt sind es 15 Stunden im Monat. Was soll das, wenn man 24 Stunden pro Tag organisieren muss? Das Geld geht von der einen Tasche in die andre Tasche, genauer: von der Pflegekasse direkt in die industrialisierte Pflege zu den Wohlfahrtsverbänden usw. 
 
Dabei könnte man unglaublich viel Geld sparen, wenn man mal die Familien in den Mittelpunkt stellen und wenigstens die Bedrohung durch Verarmung vermindern würde und im übrigen auch eine Entlastung des Bundeshaushalts erzielen könnte – auf diesem Ohr ist die Politik taub. Der Grund ist darin zu finden, dass es sich mit den Pflegeeinrichtungen um Deutschlands größten Arbeitgeber handelt und es um Arbeitsplätze geht.
 
Sie plädieren für die Unterstützung familiärer Strukturen ...
 
S. Krastel: ... gerade weil es künftig immer mehr Einzelne geben wird, die sich der Herausforderung stellen müssen, denn die Situation, dass etwa die Tante in der Nachbarschaft wohnt und auch noch ein bisschen mithelfen kann, ist dramatisch am Verschwinden. Mein Anliegen ist es, den Menschen zu ermöglichen, in ihrer häuslichen Umgebung bleiben zu können und das gelingt, wenn dem Pflegenden die nötigen Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden ohne auf das Sozialamt angewiesen zu sein – und natürlich damit auch die Verantwortung. 
 
Nicht jede/r ist bereit, sich selbst in der Pflege so zu engagieren.
 
S. Krastel: Das will ich damit auch gar nicht sagen, dass jeder die Pflege selbst machen soll. Sie verfügen aber mit 1500 Euro über andere Möglichkeiten, Hilfen zu engagieren als mit den derzeitigen 700 Euro. Es geht darum, eine echte Alternative zu haben. Die allerwenigsten machen alles selbst. Für diejenigen, die sowieso Pflegesachleistungen in Anspruch nehmen, für diejenigen gibt es ja bereits die Unterstützung.
Die Petition spricht allerdings für diejenigen, die grundsätzlich keine Kurzzeitpflege leisten können, für die wäre dieses Geld hilfreich, dort würde es ankommen und wäre kein Giesskannenprinzip.
 
Besonders viel Aufmerksamkeit haben Sie im Jahr 2009 mit einem Fußmarsch erlangt. Gibt es ein Erlebnis oder eine Erkenntnis, welche/s Sie während der Durchführung der Aktion besonders beeindruckt hat?
 
S. Krastel: Im Grunde weiss man auch im politischen Berlin, dass die Lösung eine ganz andere sein muss. Letztlich muss es um eine Umverteilung des Geldes gehen hin zur Familie. Und ich weiss als Friseur: wenn ich feststelle, dass meine Angestellte mit zehn Haarschnitten überfordert ist, dann muss ich entweder eine zweite einstellen oder weniger Kundinnen annehmen – sprich: wenn ich dafür sorge, dass es weniger Heiminsassen gibt, dann schaffe ich es auch mit der dünnen Personaldecke dort. Wie lange diskutieren wir schon den Personalmangel! Fast ein Drittel aller Heiminsassen leiden unter Mangelernährung. Da muss man doch mal andere Wege beschreiten... die Machtverhältnisse sind jedoch so zementiert, dass da gar nichts geht und das ist eigentlich als bittere Erkenntnis dabei rausgekommen.
 
Was fehlt Ihrer Meinung nach in Ihrer gegenwärtigen Kommune / in Ihrem gemeinschaftlichen Umfeld zur "Demenzfreundlichkeit"?
 
S. Krastel: Das kann ich Ihnen sagen: die Trennung von Schwerstpflegebedürftigen, die körperliche Probleme haben oder Demenz muss aufgehoben werden!
Drei Dinge also:
- Angleichung des Pflegegeldes an die Pflegesachleistungen
- Einstufung von Demenz in die Pflegeversicherung und die Zusammenlegung von Verhinderungs- und Kurzzeitpflege, denn damit wird das Umfeld der Betroffenen, die Familie und die Angehörigen gestärkt.
- Und drittens das was 2008 gescheitert ist – die Einführung der dezentralen Pflegestützpunkte unter der Ägide des Bundes.
 
 
Vielen Dank, Herr Krastel und alles Gute für Sie und Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter!