Garmisch-Partenkirchen - Wege mit Dir

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wieder ausverkauft - Caritas-Mitarbeiter bringen in Garmisch ein Theaterstück zum Thema Demenz auf die Bühne
Ort: 
Garmisch-Partenkirchen
Kaspar und Anna Bild: Forum Demenz

Kaspar, ein Mitfünfziger mit sprühendem Geist und scharfer Zunge umwirbt Anna, geschieden mit studierender, aber noch nicht ganz erwachsener Tochter. Die beiden so unterschiedlichen Menschen entwickeln eine spannungsgeladene, spritzige Beziehung, die nach zwei Jahren „verbindlich“ wird. Kaspar beeindruckt Anna mit seinen sarkastischen Kommentaren - „ohne gepflegten Zynismus muss man seine Seele verlieren“. Anna entdeckt hinter dieser Fassade den Menschen, den sie liebt. Das Theaterstück „Wege mit Dir“ des deutschen Schriftstellers und Bühnenautors Daniel Call zeigt in kurzen Szenen die Beziehung zweier Menschen, die sich nichts mehr beweisen müssen. Annas Tochter Raika hat dafür nur abfällige Kommentare übrig. Kaspars Sohn, im 30. Semester Architektur studierend, nimmt seine Umgebung stumm und ohne Gefühlsregung hin. Innere Monologe der beiden Hauptfiguren Kasper und Anna erlauben dem Zuschauer einen Blick in die Gefühlswelt der beiden. In Rückblenden aus Annas Tagebuch erfährt man ihre Gedanken. Kaspars eigene Aufzeichnungen offenbaren schließlich seine Gedächtnislücken: Ihm entfallen die eben zitierten Dichter, sein Saxophonspiel wird brüchig, er behilft sich mit Zetteln und übt mit Kinderspielzeug Formen und Farben.

Als seine Demenz nicht mehr zu übersehen ist, erhört Anna ihren Lebensgefährten und heiratet ihn. In der Hochzeitsszene findet das Stück seinen dramatischen Höhepunkt. Wie in besten Zeiten streitet das Paar über Kleinigkeiten, Kaspar kokettiert mit seiner Vergesslichkeit und als er Anna zum Schluss fragt: „Und wer sind Sie?“ bleibt offen, was ist Spiel und was ist gespielte Realität. Anna bleibt Kasper fast bis zur Selbstaufgabe treu und klammert sich an das, was ihr von dem geliebten Menschen geblieben ist. Das ist nicht viel: Ein starr vor sich hin blickender, stummer Mann mit kleinen, mechanischen Bewegungen. Als sie ihn schließlich doch ins Heim gibt, bleibt eine zerrissene, ratlose Frau zurück, die nicht versteht, was aus ihr geworden ist.

Am Ende ist es sehr still im Theater U 1 im Kongress-Zentrum von Garmisch, bevor der Applaus losbricht. Über 90 Minuten haben die Laienschauspieler hochkonzentriert und mit großem Engagement gespielt. Alle Darsteller arbeiten in Einrichtungen der Caritas im Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Der Heimleiter des Altenheims St. Vinzenz Franz Reich spielt den Kaspar, Steffi Wolf, die in der sozialen Begleitung im Altenheim arbeitet, gibt eine wunderbar motzige Reika ab. Auch Beatrice Schönauer als Anna, die seit vielen Jahren auf der Garmischer Laienbühne steht, ist seit kurzem bei der Caritas beschäftigt. Die Idee zu einem Theaterstück entstand bei einer Kaffeepause im Januar, sagt Spielleiterin Gertraud Schreiber. Für das Demenz-Forum des Landkreises Garmisch-Partenkirchen waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialen Beratung des Caritas-Zentrums auf der Suche nach „einer Alternative zu einem trockenen Vortrag über Demenz“. Franz Reich, der früher schon auf Laienbühnen gespielt hat, übernahm die Rolle des Kaspar. „Bisher habe ich nur einfache, lustige Rollen gespielt“, erzählt er. Der Kaspar mit seiner Entwicklung vom intellektuellen Zyniker zum orientierungslosen, hilfebedürftigen Menschen, sei schon eine ganz besondere Herausforderung gewesen. „Nach jedem Spiel bin ich fix und fertig“, sagt der Altenheimleiter. „In diesem Stück steckt ja soviel Dramatik drin, wenn jemand selbst merkt, wie seine geistige Kraft langsam schwindet." Obwohl Reich jeden Tag mit Demenzkranken umgeht, erforderte es sehr viel Kraft, den Übergang zum Verfall schauspielerisch umzusetzen. Beatrice Schönauer in der Rolle der Anna zeigte die ganze Spannbreite einer attraktiven Frau bis hin zur überforderten pflegenden Partnerin.

„Wir wollten mit diesem Stück den Menschen einen anderen Zugang zum Thema Demenz ermöglichen“, erläutert Spielleiterin Schreiber. Mit einer zum zweiten Mal komplett ausverkauften Vorstellung mit 140 Zuschauern war dies in jedem Fall gelungen. Alle Darstellerinnen und Darsteller und die Unterstützer hinter der Bühne – von der Souffleuse über die Beleuchter bis zur Maske – sind an diesem Abend auch ein bisschen stolz auf ihre Leistung. Schließlich sind sie keine Profi-Schauspieler und haben alle Vorbereitungen und Proben neben ihrem vollen Job geleistet. Sie sind sich jedoch einig, dass es ihnen viel Freude gemacht hat. Vor allem die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Caritas sei ein großer Gewinn gewesen. Steffi Wolf als Raika hat vor allem Selbstbewusstsein gewonnen. „Der demente Kaspar begegnet mir ja in meiner täglichen Arbeit“, sagt sie. „Ich wollte dazu beitragen, den Menschen diese Krankheit näher zu bringen“. Und so eine freche, respektlose Tochter zu spielen, mache ja auch richtig Spaß.

Das Theaterstück ist berührend nah an der Realität, aber es bleibt eben doch Theater. Die Zuschauer sind eingetaucht in ein Leben, das jeden ereilen kann. Sie gehen nachdenklich, aber auch intensiv diskutierend nach Hause.

Adelheid Utters-Adam