Berlin Schöneberg: Das Projekt geht in die zweite Phase

Druckversion
Projekt: 
Vergissmeinnicht

Eine andere Welt – Ein Stück über das Annehmen und Loslassen

Vor fünf Monaten haben Spieler der Gruppe OstSchwung des Theaters der Erfahrungen im Alter zwischen 64 und 77 Jahren unter der Leitung des Theaterpädagogen Dieter Bolte das Thema Demenz erneut aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive heraus bearbeitet.

Während der erste Teil des Projektes Vergissmeinnicht – Menschen mit Demenz im Scheinwerferlicht sehr eindrucksvoll gezeigt hat, was Menschen mit Demenz unter für sie optimalen Rahmenbedingungen leisten können, versucht die Gruppe OstSchwung das Thema Demenz mit all seinen Facetten auf der Bühne vor allem aus der Sicht der Angehörigen darzustellen. Unter dem Titel „Eine andere Welt“ werden die Sorgen und Nöte der an Demenz Erkrankten in einer Szenencollage ebenso dargestellt, wie die Situation der Angehörigen und Pflegekräfte, die immer auch Teil der Thematik sind.

Dabei wurde, in Anlehnung an alte Traditionen des Theaters der Erfahrungen, das Thema mit einem Mix aus Komik und Dramatik beleuchtet. Das Stück soll nicht nur sensibilisieren für die Problematik, die Demenz für Betroffene und Angehörige bedeutet, sondern auch Lebensfreude und Hoffnung widerspiegeln und vermitteln.

Ob dies gelungen ist, können alle Interessierten am Freitag, den 14. März 2014 um 18 Uhr im Nachbarschaftshaus Friedenau erfahren. Für den Premierentermin gab es innerhalb kurzer Zeit keine freien Plätze mehr, so dass ein weiterer Termin organisiert werden musste.

Was bisher geschah

Kurz nach der Premiere des Stückes „Ein Schiff wird kommen“ hat sich die Gruppe OstSchwung unter der Leitung von Dieter Bolte vor fünf Monaten zusammengefunden und mit den Proben begonnen.

In einer Gesprächsrunde mit Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen wurden erste Eindrücke zum Thema gesammelt. Da eine Fortsetzung dieser Runde aus Zeitmangel nicht realisiert werden konnte und keiner der Gruppe einen direkten Bezug zum Thema hatte, musste viel recherchiert werden. Bücher wurden gewälzt, Filme gesichtet und Fachkräfte befragt. Vor allem das Buch und der Film „Vergissmeinnicht“ von David Sieveking, in denen er die Demenz seiner Mutter und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Beziehungen der Menschen um sie herum dokumentiert, haben geholfen, trotz mangelnder eigener Erfahrungen, einen Einblick in die Thematik zu bekommen.

Während der Proben entwickelten sich so erste Szenen, die weiterentwickelt werden konnten.

Demenz – ein besonderes Thema des Alters für alle Beteiligten

   

Für Dieter Bolte, der seit 2008 die Gruppe Ostschwung anleitet, war die Aufarbeitung des Themas laut eigener Aussage die bisher erfüllendste Arbeit. Es war für ihn eine große aber auch interessante Herausforderung, die verschobene Wahrnehmung von Menschen mit Demenz, die in alten Zeiten und Identitäten scheinbar wieder neu aufleben, theatralisch umzusetzen, . Wie Zukunftsreisende werden sie zunehmend von ihrer für sie veränderten Umwelt irritiert und irritieren gleichermaßen ihr Umfeld. Ein Teufelskreis, aus dem scheinbar kein Entkommen möglich ist, da der Zugang zu der jeweiligen Welt erschwert ist.

Auch für die Spieler war die Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz eine besondere Herausforderung. Obwohl oder vielleicht weil keiner der Spieler einen direkten Bezug zum Thema hatte, schwangen bei den Proben oftmals auch eigene Ängste mit. Die Beschäftigung mit der Thematik hat den Teilnehmern der Gruppe immer wieder deutlich gemacht, dass sie altersmäßig nah am Thema sind und sie oder ihnen nahestehende Angehörige durchaus zum Kreis der Betroffenen zählen könnten.

Durch die intensive Auseinandersetzung von den ersten Erinnerungslücken über Verdrängungs- und Kompensationsversuchen bis hin zum Annehmen und Abschiednehmen, erscheint die Arbeit als eine Art Lehrstück für die Spieler selber, aber auch für die Zuschauer.

Das Annehmen der Diagnose, der Menschen mit Demenz selber sowie der eigenen Ängste und Nöte erscheint als eine Möglichkeit, einen Weg zu beschreiten, der sicherlich kein leichter ist. Durch den richtigen Umgang mit dem Thema, der Unterstützung und dem Verständnis aller, scheint es jedoch möglich, das Unabänderliche, Abschiednehmen von geliebten Menschen, so zu gestalten, dass bis zum Schluss der Weg gemeinsam gegangen werden kann.

Wie es weitergeht

Nach der Premiere soll das Stück „Eine andere Welt“ auch an anderen Aufführungsorten und vor allem Altenpflegeschulen gezeigt werden. Außerdem ist geplant, das Thema Demenz in Schulen und Jugendeinrichtungen mit Hilfe von filmischen Dokumentationen und Informationsmaterialien, die während der gesamten Dauer des Projekts entstanden sind, zu präsentiert und zu diskutieren.

Den Abschluss des Projektes bildet dann eine eintägige Veranstaltung unter dem Motto „Menschen mit Demenz im Scheinwerferlicht“. Die Aufführungen der beiden Stücke, Workshops und Fachgespräche sollen helfen, die Ergebnisse zu präsentieren, und so einen Beitrag dazu leisten, die fachliche Diskussion anzuregen und ein breites Publikum für das Thema Demenz zu sensibilisieren.

Wie groß das Interesse an dem Thema Demenz ist, zeigte der Ansturm bei den inzwischen fünf Aufführungsterminen des Stücks aus der ersten Phase. Mit ungebremsten Spieleifer begeisterten die Spieler des Stücks "Ein Schiff wird kommen" trotz oftmals langer Pausen das zahlreiche Publikum immer wieder aufs Neue. Auch für die Premiere der Gruppe OstSchwung gab es nicht genug Plätze für all die vielen Anfragen und ein weiterer Termin im Sall des Nachbarschaftshauses Friedenau musste gefunden werden.

Am 6. April wird es eine weitere Möglichkeit geben, sich das Stück anzuschauen und im Anschluss daran miteinander ins Gespräch zu kommen.